Frau mit einer Zeichnung vor dem Gesicht©© Fotodesign Hefele Darmstadt - Germany www.fotodesign-hefele.de

Annegret Soltau VATERSUCHE

Januar2026
17
Sa
Jan.

06
Sa
Juni

Kunstforum der TU Darmstadt

Kunstforum der TU Darmstadt
Hochschulstraße 1
64289 Darmstadt
With all Senses – mit allen Sinnen
Kultur & Medien
Ausstellung

Annegret Soltau gehört zu den bedeutendsten feministischen Künstlerinnen der Gegenwart. Sie beschäftigt sich seit den 1970er­Jahren mit Fragen der persönlichen und sozialen Identität und reflektiert dabei ihre Position als Frau im Konstrukt ihrer eigenen Familie.

Wie eine scheinbar endlos ausgezogene Schublade eines Aktenschanks erstrecken sich die 69 Blätter der Arbeit „Vatersuche“ in den Raum. Die Serie resümiert die Geschichte von Annegret Soltaus Suche nach ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hat. Obwohl in der Familie nie darüber gesprochen wurde, beschäftigt sie die Frage nach der Identität ihres Vaters seit jeher. Schon früh beginnt sie deshalb, Informationen über ihn zu sammeln. Von ihrer Mutter erfährt sie lediglich einen Namen und erhielt ein einziges Foto, das ihn zeigt. 1988 wendet sich Soltau erstmals an eine offizielle Suchstelle. Seither unternimmt sie immer wieder unterschiedlichste Versuche, mehr über ihren Vater zu erfahren. Angesichts der unzähligen ernüchternden Antwortschreiben entscheidet sie sich 2003, das gesammelte Material zu einer künstlerischen Arbeit zu transformieren, die bis heute fortgeführt wird. Hierfür verwendet Soltau verschiedene Selbstporträts, aus denen sie ihre Gesichtspartie herausreißt und die gesammelten Dokumente mit Nadel und Faden an die herausgetrennte Stelle näht.

Gegenüberstellend präsentiert die Ausstellung erstmals überhaupt die Serie „Tagesdiagramme” – 58 Einzelblätter, die die Künstlerin 1977 über einen Zeitraum von zwölf Monaten wie ein visuelles Tagebuch mit Filzstiften, Aquarelltechnik und einer Schreibmaschine auf einfachen DIN-A4-Bögen geführt hat. Gerade weil die Tagesdiagramme keinerlei direkte Körperlichkeit zeigen, handelt es sich um eine der intimsten Arbeiten der Künstlerin. Im Gegensatz zu den Werken, die Soltau für die Öffentlichkeit bestimmt hat, erlauben sie einen Blick hinter die Fassade des komplexen Systems Annegret Soltau.

Die Künstlerin skizziert darin ihre eigenen Gefühlslagen und Zustände, aber auch die Beziehungen zu anderen Personen, sehr offen. Mit den Tagesdiagrammen unternimmt Soltau den Versuch einer täglichen phänomenologischen Selbstanalyse. Die Tagesdiagramme entstanden zeitgleich mit dem Werkkomplex „Schwanger“ und thematisieren erst den empfundenen Kinderwunsch und begleiten später die Schwangerschaft. Annegret Soltau gehört zu den ersten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die ihre Schwangerschaft zentral in ihrem Werk thematisieren – auch mit der politischen Absicht, zu beweisen, dass eine Frau gleichermaßen Künstlerin und Mutter sein kann. Heute wird sie für ihre Arbeit als Pionierin der feministischen Avantgarde gefeiert.

Beide Serien laden dazu ein, von den Besucher:innen Blatt für Blatt erschlossen zu werden – wie ein in den Raum ragendes Künstlerbuch.


Seit 2016 hat sich das Kunstforum der TU Darmstadt unter der Leitung von Julia Reichelt, M.A. mit innovativen Ausstellungen überregional etabliert. Es verbindet Kunst, Wissenschaft und Stadtgesellschaft, bespielt Innen- und Außenräume und bietet ein vielfältiges Programm interdisziplinärer Formaten und Kunstvermittlung.