©Ben KuhlmannDesign als Werkzeug für die Demokratie
Dieser Beitrag möchte darüber nachdenken, welche Rolle Design in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen und demokratischer Herausforderungen spielen kann. Anhand der Themen Zivilgesellschaft, Partizipation, Bildung, Vernetzung und Design Policy, am Beispiel der World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain zeigt der Text, wie Gestaltung zu einem aktiven Werkzeug für demokratische Prozesse wird – im Sinne eines erweiterten Designbegriffs. Zugleich werden die Spannungsfelder und Grenzen solcher Prozesse benannt. Der Beitrag mündet in vier (persönlichen) Learnings.
Wenn wir auf den aktuellen gesellschaftlichen Status Quo blicken, ist eindeutig sichtbar, dass wir uns in einer Situation befinden, die mannigfaltige Herausforderungen mit sich bringt – und das in ökologischen, ökonomischen, geopolitischen und sozialen Kontexten. Wir leben in einer sogenannten Polykrise, die uns alle merkbar betrifft. Die Ergebnisse der vorgezogenen Bundestagswahl 2025, die zunehmende Skepsis gegenüber zivilgesellschaftlichen Organisationen, die allgegenwärtigen Folgen des Klimawandels oder auch vermutlich ‘banale’ Kulturkämpfe zeigen, wie aufgeladen die gesellschaftlichen Diskurse in diesem Land derzeit sind. Und dabei lassen wir die ganz großen Konflikte unserer Tage noch unerwähnt. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Spannungszustand, der aktive Gestaltung und (zivilgesellschaftliches) Engagement verlangt. Dieser Handlungsbedarf betrifft alle – und damit auch ausdrücklich Design und Gestaltung und somit Designer:innen und Gestalter:innen.
Frankfurt Rhein-Main ist in 2026 zur World Design Capital (kurz WDC 2026) ernannt worden. Um diesen Titel zu bekommen, bewirbt man sich mit einem Thema und einem dazugehörigen Konzept. Im Fall der Region Frankfurt Rhein-Main firmierte dieses unter dem Thema „Design for Democracy“. Ein gutes Beispiel also, um sich genauer anzuschauen, wie Design in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen wirken kann.
Das Thema Design for Democracy oder auch die Frage nach der Wirkkraft von Design in einer Polykrise bringt zwei große Herausforderungen bzw. Fragestellungen mit sich:
- Welche Definitionen eines Designbegriffs kommen hier zum Einsatz?
- Was bedeutet Demokratie im Kontext von Gestaltung, und was können wir mit Design und Gestaltung an dieser Stelle wirklich bewegen?
Design wird oft auf Ästhetik reduziert, auf das bloß oft als „Schönmachen“ von Dingen. Doch ein erweiterter Designbegriff fragt danach, was Design angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen leisten kann und muss. Design kann zunächst einmal Sichtbarkeit erzeugen, Verständnis schaffen, informieren, Brücken bauen, Hoffnung vermitteln und Zukunftsbilder entwerfen. Es kann Narrative für eine bessere Zukunft entwickeln und Orientierung geben. Design hat die Kraft, aktiv an der Gestaltung unserer Zukunft mitzuwirken – nicht nur symbolisch, sondern auch ganz konkret.
©Ben KuhlmannDesign & Zivilgesellschaft
Ein zentraler Auftrag bei der Betrachtung von gesellschaftsstärkenden Prozessen ist immer die Einbindung der Zivilgesellschaft. Das ist kein Zufall. Der Transformationsforscher, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal und Geschäftsführer des Wuppertal Instituts, Uwe Schneidewind beschreibt in seinem Buch „Die große Transformation“ die Zivilgesellschaft neben Ökonomie und Ökologie als einen der wichtigsten Treiber gesellschaftlichen Wandels. Sie mobilisiert moralische Ressourcen, erprobt alternative Handlungsstrategien und fungiert als Mahnerin, Motor und Mittlerin in gesellschaftlichen Diskursen. Die Zivilgesellschaft ist keine Randakteurin, sondern ein zentraler Gestaltungsfaktor unserer gemeinsamen Zukunft.
Partizipation und Teilhabe sind dabei kein Selbstläufer. Orientieren kann man sich an Partizipationsmodellen, die deutlich machen, dass es immer zwei Seiten gibt: eine institutionell-professionelle Perspektive, die Partizipation initiiert und moderiert, und die Bürger:innen, die Teilhabe leben. Schon Information ist eine Form von Partizipation – aber sie muss ernst genommen und gut gestaltet werden. Ziel ist letztlich zivilgesellschaftliche Eigenaktivität: dass Menschen Lösungen selbst tragen und weiterentwickeln, sodass Institutionen sich zurückziehen können.
WDC 2026 hat diese Aufgabe mithilfe eines Open Calls zu Beginn des Programmplanungsprozesses gelöst. Open Calls ermöglichen es, vielfältige Perspektiven einzubeziehen, Menschen zu erreichen, die sonst nicht beteiligt wären, und Inspiration zu gewinnen. Entscheidend ist, dass Ideen nicht nur gesammelt, sondern auch umgesetzt werden. Erst dann entsteht Selbstwirksamkeit – ein Gefühl, das in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung enorm wichtig ist. Menschen verteidigen ihre Ideen, übernehmen Verantwortung und werden zu sozialen Korrektiven. Bestenfalls übernehmen sie Verantwortung über den eigentlichen Projektzeitraum hinaus und verstetigen ihr Engagement. So können Strukturen von unten langfristig verändert und gestärkt werden.
Gleichzeitig birgt Partizipation auch Risiken: Verwässerung, Überforderung, Frustration durch Absagen, offene Kritik oder grundsätzliche Ablehnung. Partizipation ist also kein Allheilmittel und der Einsatz muss sorgsam abgewogen werden. Zudem sind nicht alle Herausforderungen über Partizipation zu beantworten. Oftmals braucht es auch Expertentum und echte Profis zur Beantwortung von komplexen Herausforderungen. Auch Design bleibt ein Handwerk, was gelernt und gekonnt sein will. Open Calls sind deshalb nicht immer die richtige Antwort und nur eine Möglichkeit von vielen.
©Ben KuhlmannDie Kraft der Vernetzung und des gemeinsamen Lernens
Neben der Auswahl von Projekten an sich spielt bei der Gestaltung von gesellschaftlichen Transformationsprozessen Bildung und Vernetzung eine große Rolle. Dass Bildung ein zentraler Hebel für Demokratie und Zusammenhalt ist, ist nicht erst seit gestern bekannt.
Auch wenn Bildungsformate nicht immer „sexy“ und mutmaßlich nicht als direkter “Return on Investment” erscheinen, so erzeugen sie wichtige Haltungen in Zeiten, in denen wir diese brauchen; sie erzeugen Argumente, die Anlass für Gegenargumente, also für Dialog bieten, und sie bestärken Menschen darin, das Richtige zu tun.
WDC 2026 hat all seinen Projektmacher:innen in der WDC-Akademie zu verschiedenen Themen wie Barrierefreiheit, nachhaltiger Veranstaltungspraxis und Konfliktmanagement ein Angebot gemacht – auch mit dem Ziel, alle Beteiligten über die reine Teilnahme an einem Großevent wie WDC 2026 hinaus mit zusätzlichen Fähigkeiten auszustatten.
Die Angebote wurden teilweise sehr gut, und dann wieder nur durch wenige Teilnehmer:innen besucht. Bildungsangebote zu promoten, weil sie eben keinen direkten, sichtbaren Mehrwert schaffen, ist mühsam und führt bei den Macher:innen oft zu Frustration. Bildungsangebote wahrzunehmen kostet zusätzlich Zeit, die man meist von bereits ehrenamtlich arbeitenden Personen abverlangt. Das gilt es immer bei einem Erwartungsmanagement mitzubedenken.
Netzwerke wiederum erzeugen Identifikation, Verantwortung und ein Wir-Gefühl. Das gilt für sehr viele verschiedene Ebenen und Aspekte jedes Projekts. Seien es Feste, Stammtische, Jour Fixe, Vorträge oder einfach nur Newsletter. Netzwerkarbeit macht sich an vielen verschiedenen Stellen bezahlt. Ein echter Mehrwert entsteht nur durch Zusammenarbeit, Kollaboration und Co-Creation. Allerdings sind Netzwerke kein Selbstläufer, sondern brauchen Moderation und Pflege, zahlen sich aber mittel- aber vor allem auch langfristig aus. Bildungs- und Netzwerkarbeit sind natürlich immer wirkungsvoll – aber ganz besonders in Designprozessen mit gesellschaftlichem Fokus.
Design Policy und Verstetigung
Demokratische Teilhabe findet nicht nur durch Wahlen statt. Neben direkter (bspw. Bürgerentscheide) und repräsentativer Demokratie (Gremien wie Bundes-, Landes- und Stadträte) gibt es eine dialogische Säule. Diese ist gestaltbar und betrifft Formate wie Co-Creation, Reallabore, Diskursformate und wissenschaftliche Debatten. Sie haben eine vergleichbar große Auswirkung auf unsere Demokratie – auch wenn sie aufgrund fehlender institutioneller Verankerung schwerer zu greifen sind. Die WDC 2026, aber auch Programme wie Bürgerräte, Reallabore und Konferenzen, lassen sich in dieser Säule verorten. Die folgende Grafik zeigt auf, wie relevant Formate wie die WDC 2026 für eine lebendige Demokratie sind.

Allianz Vielfältige Demokratie nach Jörg Sommer
Und dennoch ist klar: Der politische Hebel der repräsentativen Säule bleibt zentral, weil erst gesetzliche und institutionelle Veränderungen eine breite Wirkung entfalten. Deshalb brauchen wir direkte Vernetzung zwischen den drei genannten Säulen. Denn nur, wenn wir über dialogische Formate inspirieren und beweisen, wie es anders geht, kann auf der Seite der politischen Entscheidungsträger:innen ein Umdenken stattfinden. Die Design Policy Days im Rahmen der World Design Capital im November 2026, aber auch Interessenverbände wie der DDC, tragen dazu bei, Innovation und Wandel an politische Entscheidungsträger:innen heranzutragen und sind genau die Brücke, die es an dieser Stelle braucht.
Die Arbeit an diesen Schnittstellen ist komplex, konfliktgeladen und oft mühsam. Parteipolitische Interessen, hierarchische Strukturen und institutionelle Logiken kollidieren regelmäßig mit zivilgesellschaftlichen Prozessen. Umso wichtiger ist eine klare Haltung, Transparenz und die Fähigkeit, begründete Entscheidungen zu treffen.
Transformation braucht Wirkung – und Wirkung braucht Sichtbarkeit. Deshalb sind Impact-Studien, Dokumentation und gemeinsame Sprachen der Wirkungsmessung so entscheidend. Im Design fehlen bislang vergleichbare Standards wie etwa die Social Reporting Standards im Social-Business-Bereich.
Folgende Schlussfolgerungen lassen sich aus verschiedenen Prozessen und Beispielen ableiten:
- Partizipation erzeugt Unschärfe und Ergebnisoffenheit – und genau das muss ausgehalten werden, um die Zivilgesellschaft einzubinden und demokratische Mitsprache zu fördern.
- Konflikte sind kein Zeichen des Scheiterns, sondern ein integraler Bestandteil guter Prozesse und ein wichtiges Element einer gesunden, lebendigen Demokratie.
- Eine klare Haltung schlägt Partikularinteressen.
- In Krisenzeiten liegt eine enorme Gestaltungskraft, wenn wir sie als Chance begreifen.
Oder, um es mit Bruce Mau zu sagen:
“Once you start caring, you start designing.”
Quellen und Leseempfehlungen:
Schneidewind, Uwe
Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels.
oekom verlag, München.
Straßburger, Gaby / Rieger, Judith (Hg.)
Partizipation kompakt. Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe.
Buch (broschiert), 252 Seiten.
Erschienen: 15.01.2019. ISBN 978-3-7799-3988-7.
Sommer, Jörg (Hg.)
Kursbuch Bürgerbeteiligung #1.
Republik Verlag, Berlin, 2015.
540 Seiten. ISBN 978-3-942466-14-1.
Göpel, Maja
Werte: Ein Kompass für die Zukunft.
Auf dem Punkt, Gebundene Ausgabe, 27. Januar 2025.
Untertitel: Wie unsere Werte Gesellschaft, Wandel und Entscheidungen beeinflussen.
von: Barbara Lersch
Barbara Lersch ist Kuratorin und Kulturmanagerin mit Fokus auf Design, urbane Transformation und Gestaltung von Gesellschaft. Seit 2024 ist sie Chief Programme Officer der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 und verantwortet dort das Programm unter dem Motto „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“. Zuvor leitete sie mehr als zehn Jahre Projekte bei der Hans Sauer Stiftung, mit Schwerpunkten auf Social Design, partizipativer Stadtentwicklung und Wissenstransfer.
